Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Totgesagte leben länger


Klaus Singer
15.09.2006, 13:52
Bislang haben sich die Aktienmärkte im saisonal lausigen September sehr gut gehalten. Die von Zyklusanalyst Bressert bereits zu Grabe getragenen Bullen (siehe Artikel vom 8. Sep. 2006) stehen kurz davor, die im Mai gebildeten Jahreshochs beim Dow und S&P 500 anzugreifen. Der NDX zeigte sich in den vergangenen Tagen sogar mit relativer Stärke, wesentlich inspiriert vom Halbleiter-Index SOXX. Der Transportindex hat mit hoher Dynamik an die Basislinie des im zweiten Quartal geformten Doppeltopps zurückgefunden – jetzt gilt’s. Der DAX pirscht sich aktuell über die Aufwärtslinie aus Mai 2005, an der er Anfang Juli zuletzt scheiterte.

Immer wenn große Indices vor solch wichtigen Marken stehen, heißt es „hopp oder dopp“. Der heutige große Verfallstag macht die Einschätzung, wohin die Reise geht, kurzfristig nicht einfacher. Wie so oft gehen die Märkte diesem Termin mit abnehmender Volatilität entgegen und kommen, die zuletzt eingeschlagene Tendenz beibehaltend, am Hexensabbat selbst zum Stillstand. Richtung, ob neu, ob alt, nehmen sie in den Tagen danach auf – oft genug wird es heftig.

<b>Rückenwind erhalten die Bullen von reihenweise angehobenen Wachstumsaussichten</b>. So hat der Internationale Währungsfonds jetzt die eigene, aus dem Frühjahr stammende Prognose für die Entwicklung der Weltwirtschaft um 0,3 auf plus 5,1 Prozent für das laufende Jahr angehoben. 2007 sollen plus 4,9 Prozent erreicht werden. Zwar habe die Konjunktur in den USA an Dynamik eingebüßt, dafür wachse die Wirtschaft in anderen Regionen, namentlich in Europa, nun schneller, heißt es.

Für die USA sagt der IWF ein Wirtschaftswachstum von 3,4 in diesem und 2,9 im nächsten Jahr voraus. Dabei könnte die Abkühlung auf dem Immobilienmarkt sich womöglich noch mit größerer Dynamik fortsetzen. Das wiederum belaste die Konsumbereitschaft, die aktuell von steigenden Löhnen gestützt werde. Dies könnte die Fed trotz nachlassender Konjunkturdynamik veranlassen, die Leitzinsen weiter zu erhöhen, um der sich in Bewegung setzenden Lohn-Preis-Spirale entgegen zu wirken. Stagflationsgefahr - nur eines der Risiken, vor denen der IWF aktuell warnt.

In der Tat scheinen die Akteure nicht mehr ganz so sicher zu sein, dass auf der <b> FOMC-Sitzung der Fed</b> am kommenden Mittwoch eine weitere Zinspause eingelegt wird. „Dreimonatsgeld“ kostete zuletzt 4,78 Prozent und hat sein Tief wohl zunächst gesehen. Dieser deutliche Abstand zum Leitzins von gegenwärtig 5,25 Prozent dürfte sich nun wieder verringern. Die Signale von den länger- und langfristigen Renditen sind hingegen aktuell nicht eindeutig: Hier wartet man auf neue Impulse, nachdem die TBond-Kurse seit Anfang Juli von damals 105,50 auf zuletzt fast 111 gestiegen sind. Solange hier keine klare Verkaufswelle einsetzt, dürfte die Zinsstruktur weiterhin zur Inversion neigen.

Damit gehen von der <b> Zinsseite nach wie vor ungünstige Signale</b> aus, auch wenn immer mal wieder „diesmal ist alles anders“-Stimmen laut werden. Der frühere Fed-Chef Greenspan höchstselbst hatte die Aussagekraft einer inversen Zinsstruktur bezweifelt, ließ den Grund dafür in seiner sybillinischen Art aber im Dunkeln. Manchmal wird die enorm gestiegene Geldmenge als Begründung herangezogen; die ist aus meiner Sicht jedoch nur dafür verantwortlich, dass das Zinsniveau insgesamt stark zurückgekommen ist. Stichhaltiger ist da schon die Politik asiatischer Notenbanken, über den Kauf von langlaufenden US-Staatsanleihen den Dollar zu stützen. Die Botschaft allerdings ist die gleiche: Erhebliche internationale Ungleichgewichte stellen ein erhebliches Risiko für die Weltwirtschaft dar - Konjunkturpessimismus ist angebracht (auch wenn es aktuell anders scheint).

Die Entwicklung der <b> Rohstoffpreise</b> zeigte auch in dieser Woche schnurstracks nach unten. Insbesondere Rohöl fiel aus seinem langfristigen Aufwärtskanal heraus. Hier entweicht spekulative Luft, die Bewegung übertreibt aber aktuell in die falsche Richtung. Mit anderen Worten: Beim Rohöl und anderen Industrierohstoffen steht eine stärkere Gegenreaktion an. Die Reaktion der Aktienmärkte hierauf dürfte interessant sein. Durchaus denkbar, dass die Aktienbullen dies zunächst als Signal für eine robuste Konjunktur aufnehmen und sich in ihrer fundamental optimistischen Interpretation der Dinge bestätigt fühlen.

Mit dieser Gemütsverfassung könnten sich die Bullen im Dow und SPX jetzt zu neuen Höhen aufschwingen und sich kurzfristig robust gegen den Zinstermin der Fed zeigen. Wie nachhaltig das sein wird, wird sich noch zeigen.

Ein Blick auf das <b> Sentiment</b> zeigt, dass der VIX noch Luft nach unten hat, was normalerweise bullisch zu interpretieren ist. Die bullische Tendenz bei der Positionierung in Indexoptionen hält sich aktuell zwar in Grenzen. Allerdings zieht zum Monatsende hin das Volumen üblicherweise deutlich an. Bleibt das Put/Call-Verhältnis bei der insgesamt leicht optimistischen Richtung, ergibt sich per Saldo dann auch von dieser Seite eine bullische Aussage. Die Marktbreite zeigte zwar zuletzt Anflug von Schwäche, aber das Bild ist auch hier noch bullisch.

Das zu Monatsbeginn <b> favorisierte Abwärtsszenario ist bisher nicht eingetreten</b>. Offenbar glaubten zu viele Akteure an einen schlechten September. Ganz allmählich jedoch bessert sich die Stimmung, wie die Auswertung des Sentiment zeigt. Das wiederum wird dann zum Kontraindikator, wenn ein Extrem erreicht wird.

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